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05.04.2016 09:02 Alter: 2 yrs
Rubrik: Pressemitteilungen
Von: Christian Göttner

Leder ist nicht gleich Leder

Matthias Kurth, inhaber der gleichnamigen Braunschweiger Möbelmanufaktur, im interview.


Herr Kurth, wie lange gibt es Ihre Manufaktur und wie kam es dazu?


Uns gibt es seit 1999. Angefangen haben wir mit Kuhfellteppichen für den Facheinzelhandel. Mit fünf Außendienstlern waren wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz bei allen Läden mit Rang und Namen vertreten, bis es einen Einbruch gab. Bis 2010 habe ich das Unternehmen mit einer Geschäftspartnerin so geführt. Seitdem betreibe ich es allein mit sieben Mitarbeitern in der Produktion; meine Frau und ich kümmern uns um die Administration. Wir bilden auch zum Raumausstatter mit Schwerpunkt Polsterei aus, denn wir möchten die Tradition, das aussterbende Handwerk, weitertragen.

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Warum gerade Kuhfell und Leder?


Ursprünglich habe ich eine Elektrikerlehre gemacht (lacht). In den
Achtzigern war ja einiges möglich und so erwuchs in mir die Idee mit dem
Leder. Als Autodidakt verkaufte ich zunächst Gürtel, Portemonnaies und
Rucksäcke aus Leder auf Märkten und Stadtfesten – alles Eigenproduktionen.
Das Material habe ich schon immer regional eingekauft, aus Reutlingen
oder alten Lederstädten im Weserbergland.

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Wie sind Sie dann vom Leder zum Kuhfell gekommen?


Es gab ja in den 90ern die BSE-Krise, da gab es höchstens noch Leder für die
Industrie. So haben wir notgedrungen Kuhfelle für unsere Taschen gekauft. Eine ganz witzige Geschichte: Wir waren in Frankfurt auf der Ambiente. Dort haben wir ein Kuhfell auf den Boden gelegt, weil wir sonst nichts dafür hatten. Da lag nun dieser Kuhfellteppich, um den wir einen Lederrahmen genäht hatten, da sagten die Kunden: „Die Taschen könnt Ihr behalten, aber den Teppich, den wollen wir haben!“ Das war kurz nach der Gründung der Manufaktur, Anfang 2000.

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Sie fertigten also Kuhfellteppiche. Gab es die damals noch nicht?


Jein – wir haben es anders gemacht, das Ganze geometrisch gestaltet. Haben das Fell eingepasst, einen Lederrand rundherum gefertigt. Witzigerweise kamen damals auch Hersteller wie Minotti mit Kuhfellteppichen heraus. Nach der Messe waren wir binnen eineinhalb Jahren in allen Shops europaweit vertreten. Da entstand auch der Kontakt zur Firma Thonet, die uns fragten: „Wenn ihr Kuhfellteppiche machen könnt, könnt ihr auch Kuhfell verpolstern?“ Thonet hatte zu dieser Zeit gerade damit angefangen, die alten Freischwinger wieder mit Kuhfell rauszubringen. So waren wir beteiligt an der Neuauflage der Modelle S411, S412 und S35. Das war der Durchbruch und der Beginn der Polsterei. Auf der IMM 2005 waren wir dann auf dem Thonet-Stand mit einem Sessel  vertreten.

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Wie viel durften Sie bisher für den Tradionshersteller Thonet machen?


Wir arbeiten kontinuierlich für die Marke; haben auch an Prototypen mitgearbeitet. Letztes Jahr haben wir für Thonet ein Sofa komplett alleine
gefertigt – das Bugholzsofa 2002. Thonet hat lediglich Rahmen und Material vorgegeben. Der Rest kommtvon uns: Schnittentwicklung, Bau des
 Gestells, Polster, Kissen – wenn Sie jetzt irgendwo auf der Welt das Sofa kaufen, wissen Sie, das kommt von uns aus Braunschweig.

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Haben Sie auch für andere namhafte Marken gearbeitet?


Wir haben lange für Marc O‘Polo gearbeitet und alle Shop-Ledermöbel gefertigt. Für Manufactum machen wir seit über fünfzehn Jahren Büroaccessoires. Auch bei VW betreuen wir seit Jahren Messemöbel. Bis 2015 hatten wir unseren Unternehmenssitz in Wenden. Dann bot sich uns hier in Rautheim die Chance, eine Halle zu bauen. Die Idee eines integrierten Showrooms fanden wir klasse, denn dadurch, dass wir für die Industrie fertigen, kann der Kunde bei uns quasi zu Industriekonditionen kaufen. Sie können bei uns maßgeschneiderte Möbel bestellen und alles vom Material bis ins Detail entscheiden.

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Was sind bei Ihnen die gängigsten Materialien? Kunden ist die Frage nach Herkunft, Herstellung und Nachhaltigkeit ja immer wichtiger.


In erster Linie verarbeiten wir Rindsleder. Die Gerberei steht im Weserbergland: Firma Heller. Lederist nicht gleich Leder. Nehmen Sie  z. B. Chromleder aus Indien; das ist zwar nach einem Tag bearbeitbar, aber schwermetallbelastet und viele reagieren auf das Diffundieren mit Kopfschmerzen und Übelkeit.  Leider gibt es keine Normen für Leder. Wir beziehen vorrangig vom Hersteller
aus Deutschland, bei dem das Gerben drei Monate dauert und legen Wert auf Qualität. So bieten wir glatte, im Ernstkontakt kühle Leder bis hin zu smoothen, weichen Ledern.

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Wie wichtig ist Ihnen beim Gerben die Tradition?


Die Neandertaler haben das Leder im Grunde nicht anders gegerbt als wir heute in Deutschland. Bei uns kannman sicher sein, dass fast alles regional
 bezogen und gefertigt wird. Ware aus Indien oder China kommt für uns
nicht in Frage. Wir arbeiten zudem auch mit Bezugsstoffen aus recycelten Rohstoffen.

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Was sind Ihre aktuellen Trends? Und was waren die ausgefallensten Projekte?


In Frankfurt arbeiten wir an einer Wandgestaltung, die auch in Paris gezeigt wird. Wie sagt SpeditionWandt so schön: „Unser Standort  heißt Braunschweig – Unser Arbeitsplatz Europa.“ Vor kurzem haben wir ein ganzes Treppenhaus in Hamburg mit Leder ausgestattet – Wände, Böden und Treppe. Auch Theken
haben wir in Leder produziert. Auf einer Yacht haben wir sogar Lederparkett im Masterbedroom verlegt.

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Wie schnell können Sie auf Großaufträge reagieren und wie viele Rinder benötigt ein Teppich?


Ein Großprojekt braucht etwa acht Wochen Vorlaufzeit. Binnen 24 Stunden können wir jedoch bei kleineren Projekten auf alles zugreifen, da unser Lieferant ein großes Lager besitzt. Die Haut einer europäischen Milchkuh hat bis zu sechs Quadratmeter, jedoch muss man mit 30 bis 50 Prozent Verschnitt  rechnen. Bei einem Neun-Quadratmeter-Teppich benötigt man bis zu neun Kühe.

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Sind Leder-Teppiche nicht anfällig?


Sogar für Stöckelschuhe oder hochfrequenten Messebetrieb sind diese Teppiche kaum bis gar nicht anfällig. Nach Jahren bekommen sie zwar eine leichte Patina, aber selbst die hat Charakter.

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Sie bieten auch die Aufarbeitung alter Sitzmöbel an. Ab wann lohnt sich das?


Oft sind die geerbten Möbel fast wie neu, da sie geschont wurden und Material und Fertigung noch hohen Qualitätsansprüchen genügten. Ein Neubezug im Vintagestyle und die Aufarbeitung von Gestell und Polsterung lohnen sich fast immer.

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Was planen Sie für 2016?


Im Mai möchten wir unserem neuen Firmenzuhause eine Einweihungsfeier widmen. Bis dahin möchten wir mehr Stoff-Outdoor-Möbel fertigen und dort präsentieren. Unsere Ausstellung wollen wir bis dahin mit allem füllen, was wir immer schon mal bauen wollten. Das ist eine riesen Herausforderung neben dem Tagewerk, aber wir freuen uns darauf.

Leder, wohin man auch blickt: Melanie Kurth und ihr Hund in der Kreativschmiede, Werkstatt und Lager im Gewerbegebiet in Braunschweig-Rautheim.
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Den original Artikel aus "Exklusive Wohnwelten" finden Sie unter folgendem Link als PDF-Download.